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Brasilien hält der Finanzkrise erfolgreich Stand

Regula Gerber, Online Publications Credit Suisse

27.08.2009 Starker Heimmarkt, stabiles Finanzsystem, steigende Inlandinvestitionen; Brasiliens Wirtschaft zeigt sich kaum beeindruckt vom weltweiten Abwärtstrend. Credit Suisse Country Manager, Antonio Quintella, zeigt im Interview auf, weshalb das Land so erfolgreich der Krise trotzt und welche Perspektiven sich für Investoren daraus ergeben.

Regula Gerber: Herr Quintella, ihr Land wurde nicht nur als eines der letzten von der Krise getroffen, sondern ist auch als eines der ersten daran, die Krise zu überwinden. Was sind die Gründe für diesen Erfolg?
Antonio Quintella: Brasilien verzeichnete in den letzten Jahrzehnten sein längstes Wirtschaftswachstum, welches durch die Krise im dritten Quartal 2008 unterbrochen wurde. Im Gegensatz zu früheren Krisen ermöglichten die soliden inländischen Fundamentaldaten die Umsetzung antizyklischer fiskaler und monetärer Massnahmen. Die Regierung senkte die Steuern in bestimmten Schlüsselbereichen wie der Automobil-, Immobilien- und Weisswarenbranche. Die staatliche Banken sorgten für eine starkes Kreditwachstum und gleichten somit den Kreditrückgang bei den Banken des Privatsektors aus. Die Zentralbank senkte die Zinssätzt um 500 Bp auf ihr niedrigstes Niveau seit mehreren Jahrzehnten, reduzierte die Reserveanforderungen und ermöglichte dem Unternehmenssektor direkte Kredite. Der Aufschwung der Wirtschaft ist auf die rasche Reaktion der Regierung zurückzuführen in einem Umfeld, in welchem sich das brasilianische Finanzsystem als sehr solide erwies. Diese Erholung wurde angetrieben durch einen gesunden Binnenmarkt, einen widerstandsfähigen Arbeitsmarkt in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, in dem die Löhne weiterhin anstiegen und wenige neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Die Erholung in den entwickelten Ländern ab dem dritten Quartal 2009 dürfte helfen, die Kontraktion der brasilianischen Wirtschaft zu bremsen, und sicherstellen, dass Brasilien in den nächsten Quartalen Kurs auf ein starkes Wachstum nimmt.

Wie entscheidend war dabei der Heimmarkt?
Brasilien ist ein relativ geschlossener Wirtschaftsraum, der über einen riesigen Heimmarkt verfügt. Die Regierung handelte rasch und ergriff erfolgreiche antizyklische Massnahmen, als die Kreditbedingungen sich verschlechterten und die Konjunktur nach unten zeigte. Der Einfluss der Finanzkrise wurde dadurch abgefedert und war somit zwar nicht unerheblich, aber betraf das Land auch nicht besonders heftig.

Welchen Einfluss hatte die Tatsache, dass China die USA als wichtigsten Handelspartner Brasiliens ablöste?
Die wichtigste Änderung der letzten Jahre besteht in der Diversifikation des Exports. Dies schlug sich nicht bloss in vermehrten Exporten nach China nieder, sondern auch im Aussenhandel mit vielen anderen Emerging Markets – zum Beispiel mit lateinamerikanischen Ländern. Aber sicher steht China heute klar als einer der wichtigsten Handelspartner Brasiliens im Vordergrund und ist mit einem Anteil von rund 14 Prozent - 2005 betrug dieser erst 6 Prozent - am brasilianischen Aussenhandel ebenso wichtig wie die USA. Die steigende Bedeutung Chinas zeigt sich bei den Rohstoffen, wo die Nachfrage stetig wächst und die internationalen Preise ansteigen.

Sind die Verbesserungen an den einheimischen Märkten auf die Arbeit der Regierung Lula da Silva zurückzuführen?
Ja, die makroökonomischen Massnahmen der Regierung waren sicher mehrheitlich korrekt. Bei den Steuern verfolgte sie eine Überschusspolitik, wodurch die Schuldenquote seit 2003 kontinuierlich abnahm. Ausserdem gestand die Regierung der Zentralbank Autonomie zu. So konnte Brasilien durch die Politik eines freien Wechselkurses mit wenig Interventionen ein beachtliches Mass an Devisenreserven aufbauen. Dadurch war der öffentliche Sektor nicht mehr dem US-Dollar ausgesetzt. Dank diesen Massnahmen konnte Brasilien von günstigen internationalen Entwicklungen profitieren und gleichzeitig die eigenen Solvenzindikatoren verbessern.

Haben sich die Erwartungen an Lula’s Regierung bezüglich Verbesserungen der Sozialversicherung, den Steuern und am Arbeitsmarkt erfüllt?
Nun, es gab während der letzten zwei Jahre gewisse Fortschritte, aber ein wirklicher Durchbruch bei den institutionellen Reformen blieb bisher aus. Die Regierung versuchte eine Steuerreform durchzubringen, welche aber wegen dem komplizierten Steuersystem in Brasilien eine äusserst komplexe Sache ist. Der mangelnde Konsens in der brasilianischen Gesellschaft bezüglich Steuerprogression führte dazu, dass die Reform stecken blieb. Auch bezüglich Arbeits- und Sozialversicherungsreformen wurde keine Einigung erzielt.

Das hohe Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre hat den Zeitdruck bei diesen Reformen vermindert?
Ja, aber diese Themen sollten nicht unterschätzt und die Reformen müssen von der Regierung und vom Kongress langfristig in Angriff genommen beziehungsweise umgesetzt werden. Denn nur so kann die Wettbewerbsfähigkeit Brasiliens nachhaltig gesichert werden.

Brasilien wird im nächsten Jahr 280 Milliarden USD für nationale Infrastrukturprojekte ausgeben, die vor allem der Erhöhung des Bruttosozialprodukts um 5 Prozent dienen sollen. Kann dieses Ziel unter den gegebenen Umständen erreicht werden?
Die Regierung hat signalisiert, dass sie den Zeitplan für diese Investitionen einhalten will. Vermutlich wird aber die Krise verhindern, dass alle Investitionen zeitgerecht getätigt werden können. Um den Einfluss der Krise zu dämpfen, hat die Regierung ihre Kreditangebote für Investitionen verlängert. Im Prinzip wird nun über den öffentlichen Sektor finanziert, nämlich über staatseigene Banken. Auch die steuerliche Belastung von Investitionen wurde reduziert. So sind letztlich die Aussichten für den Infrastruktursektor in den nächsten Jahren sehr vorteilhaft – unabhängig davon, ob die Regierung ihre Investitionsziele erfüllt oder nicht.

Welche Sektoren betrachten Sie als die vielversprechendsten für Investoren?
Brasiliens Infrastruktur ist noch nicht stark ausgebaut und hat deshalb gute Perspektiven. Der Immobiliensektor wächst dank tieferen Zinssätzen bereits, aber ich sehe hier noch viel Potential. Und dann würde ich die Agrarwirtschaft und die Bereiche Biotechnologie und alternative Energie als vielversprechend hervorheben. Brasilien verfügt beispielsweise über ein von der Welt mit Spannung beobachtetes Programm im Bereich der erneuerbaren Energie, das den Verbrauch von Ethanol an Stelle von Öldestillat vorsieht.

Wie sieht es mit dem Finanzmark aus? Es scheint, als wäre dieser stabil geblieben...
Das ist so. Das brasilianische Bankensystem ist eines der solidesten der Welt. Wir hatten auch dank der Massnahmen der Zentralbank bis anhin überhaupt keine Probleme mit den inländischen Banken, die weiterhin über eine gute Kapitaldecke verfügen und keine Liquiditätsprobleme haben. Das heisst natürlich nicht, dass die Kreditkrise spurlos an Brasilien vorbeigegangen ist, aber getroffen hat es nur kleine und mittelgrosse Banken, die abhängiger von Gross- und internationalen Finanzierungen sind.

Wie hat sich die Krise generell auf die Marktposition der Credit Suisse in Brasilien ausgewirkt? Und welches sind die Aussichten?
Die Credit Suisse war auch in der Krise sehr gut positioniert, da wir verschiedene Massnahmen getroffen haben, um das Risiko und das Fremdkapital zu verringern und unsere Erträge zu diversifizieren. Eigentlich sind wir jetzt sogar noch besser positioniert als vor der Krise. Ich glaube, auch unsere Kunden und Geschäftspartner sehen es so. Für viele Privatkunden, Firmenkunden und institutionelle Kunden sind wir der bevorzugte Partner, was uns ausserordentliche Möglichkeiten eröffnet. Die Aussichten in Brasilien und auch andernorts waren wohl noch nie besser. Die Chance, zur besten und meistgeschätzten Bank der Welt zu werden, ist in Reichweite.

http://emagazine.credit-suisse.com/app/article/index.cfm?fuseaction=OpenArticle&aoid=266749&lang=DE&WT.mc_id=In%20Focus%20International%2031%2E08%2E2009%2D266944


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